Donnerstag , 30 Oktober 2014
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Test: Videobrille Carl Zeiss Cinemizer OLED

Test: Videobrille Carl Zeiss Cinemizer OLED

Fernseher mit immer größeren Displaydiagonalen erobern die gut ausgestatteten Heimkinos der Region und erfreuen ihre Besitzer mit purer Bildgewalt. Doch was wenn im Eigenheim kein Platz für einen voluminösen Fernseher ist und eh niemand vorbeikommt um Filme zu schauen? Oder wenn der Heimkinofan die meiste Zeit des Tages in der Bahn oder im Flugzeug sitzt um von einem Termin zum nächsten zu jetten? Eine Erfindung, die schon in den 1990er Jahren durchaus für Aufsehen gesorgt hat (sich aber damals aufgrund arger technischer Einschränkungen nicht so recht durchsetzen konnte), dürfte als Heilsbringer fungieren: Die Videobrille.

Zugegeben, in den 1990er Jahren waren Videobrillen als “Virtual Reality Helme” bekannt und sorgten mit hohem Gewicht, flackernden Bildern und bescheidener Bildqualität eher für Grauen als für Freude. Futuristisch sahen die Träger einer solchen Brille aber schon aus. Nun schreiben wir allerdings bereits das Jahr 2013 und es sind weder David Hasselhoff noch die New Kids on the Block in den Charts – und noch viel wichtiger: Die Technik hat sich in den letzten Jahren massiv weiterentwickelt. Durch die Erfolge bei der Produktion von LCDs und OLED-Displays sind Geräte wie die Cinemizer OLED überhaupt erst möglich geworden.

Bei der von Carl Zeiss gefertigen Cinemizer OLED handelt es sich um eine Videobrille mit zwei nur ein Zoll kleinen OLED-Displays. Diese verfügen über eine Auflösung von 800 x 500 Pixeln – für sich genommen recht wenig, angesichts der Displaygröße von eben nur einem Zoll ergibt sich dennoch eine sehr hohe Pixeldichte die selbst das Retina-iPad um ein vielfaches übertrifft. Durch das Vorhandensein von gleich zwei einzeln ansteuerbaren Bildschirmen sind auch dreidimensionale Videos, Spiele und Fotos problemlos realisierbar. Da weder Shutter- noch Polfilter-Tricks genutzt werden müssen, stellt die Cinemizer OLED, soviel sei vorweg genommen, 3D-Inhalt tatsächlich perfekt und ohne Ghosting oder Helligkeitsprobleme dar.

Untergebracht sind die OLED-Displays in einer schmalen und nur 120 Gramm leichten Brille. Auf der Nase liegen dank der Gewichtsverteilung sogar nur etwa 75 Gramm, die Cinemizer ist auch bei längeren Sessions kaum zu spüren. Geliefert wird das Set mit einer Akku-Box die auch für die nötigen Anschlüsse sorgt. Um die Brille mit Energie zu versorgen, auch autonom auf Reisen, ist ein Akku für etwa 2 bis 3 Stunden Laufzeit (bei HDMI-Betrieb) integriert. Angeschlossen wird die Brille mittels HDMI, Micro-HDMI oder über ein optionales Apple-Verbindungsset, das mit 30-Pin-Anschlüssen Kontakt aufnimmt. Aufgeladen wird der Akku, der in Verbindung mit der Apple-Box sogar bis zu 6 Stunden durchhält, via USB und kann so an modernen Fernsehern beispielsweise ohne Netzteil benutzt werden.

Nachdem die Akku- und HDMI-Box mittels eines weiteren Kabels mit dem Zuspieler (PC, Blu-ray-Player, Smartphone) verbunden wurde, stellt die Cinemizer OLED den so ausgegebenen Bildschirminhalt dar. PC-Nutzer müssen jetzt noch etwas mit den verschiedenen Displayauflösungen, primären und sekundären Displays sowie Treibern für den  3D-Betrieb kämpfen. So unterstützt Nvidias 3D-Vision zwar die Cinemizer OLED, eine Lizenz dafür gibt es aber nur dann kostenlos, wenn eine entsprechende 3D-Brille gekauft wurde. Ansonsten muss die Software Nvidia 3DTV Play erworben werden – zum Testen läuft das Programm aber immerhin 10 Tage kostenlos. Einfach ist die Einrichtung von 3D-Funktionen am PC damit dennoch nicht. Ist die Brille aber erst einmal verbunden erfreut sie den Nutzer mit beeindruckenden 3D-Bildern von Spielen, Videos und Fotos in einer ungeahnten Flexibilität. Tipp: Youtube liefert zahlreiche stereoskopische Inhalte aus. Für 199 Euro Aufpreis bietet Zeiss mittlerweile auch einen Headtracker an, der anstelle des rechten Ohrclips der Brille an die Cinemizer angeschlossen wird und per USB Kontakt zum PC aufnimmt. Auf dessen Funktion werden wir später noch zu sprechen kommen.

Der Bildeindruck der Cinemizer OLED entspricht laut Hersteller dem eines 40 Zoll in der Diagonale messenden Fernsehers aus zwei Metern Entfernung. Diesen Eindruck können wir bestätigen, etwas störend wirkt sich allerdings der recht umfangreich ausfallende dunkle Raum um diesen Bildschirm aus. Es entsteht der Eindruck, in einem komplett dunklen Raum und mit Scheuklappen vor den Augen auf einen tatsächlich etwa 40 Zoll großen Fernseher zu schauen. Die große und durchaus störende dunkle Fläche liegt am Einblickwinkel der Brille, dem “Field of View”, kurz VoV, von nur etwa 30 Grad. Je höher dieser Wert, desto mehr des Bildes ist auch tatsächlich sichtbar. Besser macht es beispielsweise erst 2014 erscheinende Videobrille Oculus Rift mit 90 Grad FoV.

Apropos Scheuklappen: Ist es in der Umgebung zu hell stört dieses Umgebungslicht den Bildeindruck zusätzlich. Perfekt funktioniert die Cinemizer OLED entweder in einem dunklen Raum oder unter Nutzung der optional erhältlichen “Scheuklappen” für die Brille.

Der Anschluss an einen 3D-Blu-ray-Player funktioniert erwartungsgemäß ohne weitere Probleme. Die Cinemizer OLED beherrscht HDMI 1.4 und die 3D-Technologien Side-by-Side, Top-Bottom und Line-Interleaved. 3D-Blu-rays werden mit einem sehr beeindruckenden 3D-Effekt dargestellt, die üblichen 3D-Probleme sind bei der Cinemizer Vergangenheit. Wer eine Sehstärke zwischen +2 und -5 Dioptrin aufweist kann die Cinemizer zudem ohne störende eigene Brille nutzen: Pro Display ist ein Drehregler vorhanden, mit dem sich die eigene Sichtstärke einstellen lässt.

Der Anschluss an den PC ist nicht so einfach wie der an einen BD-Player. Nvidia-Grafikkarten lassen sich immerhin mittels 3DTV Play (kostenpflichtig) mit den entsprechenden Softwarefunktionen füzeiss-cinemizer-oledeinen 3D-Betrieb nachrüsten. AMD-Grafikkarten allerdings sind auf Drittanbieter-Software wie TriDef angeweisen – und diese mag die Cinemizer nicht so recht unterstützen. Generell ist die Arbeit am PC oder Notebook eher frickelig als wirklich spaßig. Da hilft auch der wirklich praktische und sehr reaktionsstarke Headtracker nicht mehr weiter. Dieses seit kurzem für 199 Euro erhältliche Zubehörteil war uns im Test ebenfalls zugänglich und erweitert die Brille um die Möglichkeit Spiele auch per Kopfbewegung zu steuern.

Dabei wird der Headtracker per USB mit dem Rechner verbunden. Das Gerät installiert sich als USB-Eingabemedium und fungiert somit als Mausersatz. Mausbewegungen in Spielen werden also auch ohne spezielle Software in Bewegungen umgesetzt. Wollen Softwareentwickler tiefer in die Funktionen eingreifen bietet Zeiss ein SDK an – bislang ist der Softwaresupport aber eher schwach. Zudem eignet sich die (zusätzliche, eine Maus ersetzt der Headtracker nicht) Eingabemöglichkeit eher für langsame Spiele und welche aus der Cockpitperspektive. Schnelle 3D-Spiele verwirren mit der Cinemizer OLED eher als dass ein nennenswert interessanter Effekt eintritt. Renn- oder Simulationsspiele jedoch gewinnen durch die neue Perspektive, das saubere 3D und den Headtracker enorm an Immersion.

Per Adapter lässt sich die Cinemizer OLED auch mit Apples iPhone, iPad oder iPod-Touch verbinden. Wer ein Smartphone mit HDMI-fähigem USB-Port sein Eigen nennt (wir nutzten im Test ein HTC Evo 3D) kann auch dieses mit der Brille verbinden. Nun lassen sich Filme und Fotos mit der Videobrille darstellen – Android ist angesichts der Bildschirmdrehung allerdings oft etwas unflexibel und zeigt so nur einen kleinen Displayausschnitt. Nichtsdestotrotz: Auf Reisen mit dem Smartphone einen vorab auf die Speicherkarte installierten Film zu schauen ist eine sehr pfiffige Möglichkeit unliebsame Reisezeit zu überbrücken.

Der wirklichen Mobilität abträglich ist allerdings die für den Einsatz der Videobrille nötige Verkabelung. So hängt die Cinemizer zwangsläufig an der Akku-Box, da diese auch den HDMI-Port herausleitet. Soll die Brille länger als zwei Stunde abseits eines iPhones genutzt werden, muss die Box zudem per USB mit einer Stromquelle verbunden werden. Von der Anschlussbox führt nun ein HDMI-Kabel zur Bildquelle. Soll der Headtracker genutzt werden, kommt noch ein weiteres USB-Kabel hinzu – ein Wirrwarr aus Kabeln und Anschlusseinheiten entsteht und lässt schon nach kurzer Zeit den Spaß an der Brille vergehen.

So recht einsatzfähig wird die Technologie hinter der Cinemizer erst wenn die Kabelprobleme beispielsweise durch einen in die Brille oder die Akkubox integrierten Medienplayer mit SD-Slot gelöst werden.

Störend ist zudem der große schwarze Raum bei der Betrachtung eines Videos oder im Spiel. Erst Vollformat-Videobrillen wie die Oculus Rift werden hier einen deutlich größeren Bildausschnitt präsentieren und so den Eindruck eines Sitzplatzes im 3D-Kino in der ersten Reihe ermöglichen. 40 Zoll Fernsehdiagonale aus zwei Metern Entfernung –  das ist nichts, wofür ein Heimkinofan 650 Euro investieren mag. Singles mit schmaler Wohnung hingegen oder Reisende mit vielen Stunden in Bahn oder Flugzeug könnten allerdings einen mobilen Filmspaß bekommen wie er zuvor nicht möglich war.

650 Euro ist ein ambitionierter Preis für eine Videobrille die im Prinzip nur einen 500-Euro-Fernseher in einem dunklen Raum simuliert. Auf Reisen kann sich das Bezahlt machen – aber nur wenn für genug Hintergrund-Dunkelheit gesorgt wurde. Wie bei der Nutzung eines Beamers wird das Bild mit zunehmender Hintergrundhelligkeit deutlich schlechter. Wer seine Filme nicht alleine schaut dürfte sich zudem (je nach Situation der Beziehung) darüber Ärgern, dass eine Videobrille nicht unbedingt perfekt für die partnerschaftliche Kommunikation ist. Man schottet sich hinter einer solchen Brille komplett ab – sogar Ohrstöpsel sind integriert – und bekommt von der Umwelt im Idealfall nichts mehr mit. Auf für Filmeabende mit Freunden ist ein klassischer Fernseher deutlich besser geeignet. Ebenfalls Abstand sollten PC-Nutzer von der Brille nehmen: Die Einrichtung ist frickelig, zumindest wenn 3D-Funktionen genutzt werden sollen. Spielkonsolen wie Sonys Playstation 3 hingegen bereiten weniger Probleme. Nicht geeignet ist die Cinemizer OLED hingegen für Nintendos WiiU: Der Blick auf den Tabletcontroller ist durch die komplett abschottende Brille nicht mehr möglich.

Über Dennis Ziesecke

Dennis Ziesecke ist tätig als freier Autor für GamersGlobal (Exklusiv-Serie "Hardware-News"), IDG (Gamestar Print, Gamestar Online) und viele andere bekannte Hardware-Magazine. Gründer und Redakteur von VictoryPoint, der etwas anderen Seite des Internet. Vater von einem wundervollen Sohn und seit kurzem auch einer nicht minder wundervollen Tochter.

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